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Archiv für die 'Erziehungsmethoden' Kategorie

Hier geht es um fragwürdige Erziehungsmethoden

Alpha-Alarm!

Erstellt von Henrik am 23. November 2009

Ein Artikel von Franziska Feldsieper, http://www.mensch-mit-hund.de/31829.html

Mein Gott, was lebe ich gefährlich! Ich habe, wenn es nach manchen Hundetrainern geht, ein echtes Dominanzproblem und bislang ist es wohl einfach nur Glücksache gewesen, dass ich nicht schon mit durchgebissener Kehle in meinem Blute liegen und unsere sechs Hunde endgültig die Weltherrschaft an sich reißen. Dabei hab ich sogar eine Hundeschule und müsste ja eigentlich wissen, wie der Hase, pardon, der Hund läuft. Aber nun wechselte eine Kundin von einer anderen Hundeschule zu uns, die mir ziemlich Haarsträubendes berichtete.

Das erste, was sie dort lernte, war der „Alphawurf“. Man nehme also seinen Hund, werfe ihn mit Krawumm auf den Rücken und nagle ihn in dieser Stellung mindestens eine Minute lang fest. Dies versuchte die doch etwas irritierte Neu-Hundebesitzerin in ihrer ersten Stunde damals dann auch, aber mit dem Festnageln war es leichter gesagt als getan. Gypsy wehrte sich doch tatsächlich, und das noch heftiger, als ihr dann mittels Nackenschüttler endgültig Respekt eingetrichtert werden sollte. Beschämt musste ich gestehen, dass ich mit keinem unserer Hunde jemals einen Alphawurf getätigt hatte und dass ich und meine Hunde Nackenschüttler als Morddrohungen ansehen und daher tunlichst unterlassen.

Außerdem, so wurde Gypsys Fraule eindringlich ans Herz gelegt, sei es von überlebenswichtiger Notwendigkeit, dass der Hund grundsätzlich nach dem Menschen durch die Türe gehe und um Gottes Willen auch niemals vor der Mahlzeit der Zweibeiner sein Fresschen einnehme. Ich errötete und gestand, meine Hunde immer dann zu füttern, wenn ich es für richtig erachte und mir peinlicherweise gar keine Gedanken über die Uhrzeit im Verhältnis zur eigenen Speisung machte. Und dass ich die Hunde nur dann hinter mir zur Tür in den Garten rauslasse, wenn mir danach ist, und das ist selten, besonders morgens, wenn es kalt ist, die Hunde pieseln müssen und ich keine Lust habe, aus „Rangordnungsgründen“ noch im Halbschlaf im Pyjama vor den Hunden in den Garten zu torkeln.

Aber das allerverwerflichste, was sie ihrer Gypsy in den Augen der dortigen Trainerinnen antun konnte, war, dieses 4-Kilo-Monstrum von Hund auf den Schoß zu nehmen und sogar noch aufs Sofa zu lassen. Gypsy würde sich sofort zum „Alpha“ aufschwingen, versuchen, Fraulis Geruch zu überdecken und über kurz oder lang zum Familientyrann werden. Nun waren selbst meine Ohren schamvoll rot! Sitzen zwei meiner Hunde doch für ihr Leben gerne „Schoßi“ und Marathon-Schmuserunden auf dem Sofa gehören zum täglichen Ritual. Aber, jetzt kommt’s, ich war ja noch schlimmer, meine Hunde dürfen sogar in meinem Bett schlafen!!! Die Große, Alaskan Husky Wonda, tut  das nicht, ihr ist es einfach zu warm. Aber Pablo, Chili und Winni lieben es, mit mir in aller Wonne zu kuscheln und zu toben – im Bett, Schande über mich! Und sie schlafen sogar die ganze Nacht drin! Mein Gott, vielleicht war mein Geruch schon so überdeckt, dass meine Hunde längst die Herrschaft an sich gerissen haben und nur aus lauter Großherzigkeit meinen Kommandos noch folgen?!

Gypsy durfte also wochenlang weder auf dem Schoß sitzen noch auf dem Sofa schmusen noch zuerst durch die Tür und jedes Fehlverhalten wurde sofort streng geahnet. Und was machte die undankbare Ratte statt ihre ach-so-tollen-Menschenbosse anzuhimmeln? Sie zeigte Meideverhalten und von Vertrauen gab es keine Spur!

Es ist dann aber doch erstaunlich, dass ich so gar keine „Dominanzprobleme“ mit meinen Hunden habe – und Gypsy-Fraule auch nicht. Ich kann meinen Hunden jederzeit einen Knochen wegnehmen, ohne den Verlust von Extremitäten zu riskieren. Auch wenn das Sofa schon hundetechnisch besetzt ist, kann ich mir meinen Platz freimachen, ohne von dominanten Alpharüden und –hündinnen gewalttätig daran gehindert zu werden. Ich kann die Hunde zuerst durch die Tür lassen und trotzdem nehmen mich meine Hunde ernst. Und ich kann neben satt gefütterten Hunden speisen, ohne dass sie beim nächsten Spaziergang Schafe reißen und mich nicht an die Beute lassen. Und zu allem Überfluss folgen sie auch noch freudig, weil ich mit dem Clicker arbeite und sie optimal wissen, wann sie etwas richtig gemacht haben. Komisch, das alles, wo Clickertrainer doch solche Weicheier sind. Sagen die Hardliner.

Aber halt, nein, mit Wonda habe ich das „Dominanz-Programm“ ja auch mal durchgezogen. Damals, vor ungefähr hundert Jahren, 1996 bis 1998, als ich den ganzen „Alpha-Zirkus“ auch noch für bare Münze genommen habe. Ich ging zuerst durch jede Tür, aß immer zuerst, der Hund schlief nicht mal im Schlafzimmer, geschweige denn im Bett, sondern im Wohnzimmer, immer schön weitab vom "Rudel". Wenn Wonda nicht augenblicklich „Platz“ lag, wenn ich es ihr ins Ohr raunzte, dann lag ich bäuchlings auf dem „rebellierenden“ Hund und bewies meine Alphastellung, notfalls auch als reichlich lächerliche Figur mit matschverschmierter Hose am Wegesrand, denn Nichtbefolgen eines Kommandos war ja schließlich Hochverrat.

Das Ergebnis dieser „Alpha-Stellungskämpfe“ war eindeutig: Mein Hund hatte Angst vor mir! Die einzige Verbindung zwischen uns war die Leine und wenn mein geplagter Hund konnte, suchte er das Weite – und fand es auch. Sie jagte, sie folgte nur auf dem Hundeplatz  – und ich verzweifelte an dem „dominanten“  Hund. Ich schob es auf die Rasse – Huskys gelten als unerziehbar und das ist gern ein Freifahrtschein für grobe Methoden. (Hier kann „Husky“ ohne weiteres durch „Terrier“ oder sonstwas ersetzt werden, denn mit ein wenig Phantasie findet sich für jede Rasse oder Mischung eine gute Ausrede für Nicht-Befolgen von Kommandos und tierquälerische Ausbildungsmethoden). Ich kämpfte um meine Vormachtstellung, bis ich eines Tages aufwachte. Bis ich begriff, dass so kein echtes Vertrauen entstehen kann. Über zahlreiche Seminare und Bücher erschloss ich mir mühsam Stück für Stück die Denkweise der Hunde – und bat Wonda bis heute schon tausendmal um Entschuldigung. Sie wird nie so viel Vertrauen zu mir haben wie meine beiden anderen, die nach meiner „Wandlung“ kamen. Mit meiner Freundin arbeitet sie wirklich freudig, ohne Beschwichtigungssignale, denn sie war nie ungerecht mit ihr. Bei mir sitzt Wondas Erinnerung zu tief, auch wenn ich schon seit Jahren anders bin als früher. Aber Wonda und mich verbindet inzwischen doch viel mehr als nur die Leine, sie war und ist meine Lehrerin.

Natürlich geht es nicht, dass ein Hund das Sofa verteidigt oder unkontrolliert in der Gegend herumjagt. Aber wenn das passiert, dann hat es nicht mit "Alpha" oder "Dominanz" zu tun, sondern mit einer Schieflage des Verhältnisses zwischen Mensch und Hund. Dann stimmt die Beziehung nicht oder es wurde an Kommandos unzureichend geübt. (Zum Thema "Dominanz" und alles andere rund um den Hund haben wir gute Literatur in meinem Laden!) Wer übrigens als Mensch darauf besteht, "Rudelführer" für seinen Hund zu sein, der darf dann auch nicht vergessen, in den Kühlschrank zu pinkeln! Rudelführer markieren selbstverständlich ihre Vorräte! Wer das nicht will, der sollte doch einfach nur der verlässliche, souveräne Chef und Spielregelaufsteller seines Hundes sein, das ist wesentlich entspannender!

Gypsys Fraule jedenfalls war nach einem intensiven Gespräch mit mir zutiefst beruhigt, dass sie nicht fürchten muss, dass ihr Hund nun die Weltherrschaft übernehmen wird, nur weil er auf dem Schoß sitzen darf und freudig-ungeduldig zuerst durch die Haustür in den Garten stürmt. Denn sie hatte es tief in ihrem Innern längst gespürt – ein Chef ist ein souveräner, cooler Mensch, der Sicherheit gibt, und kein HB-Männchen, dass aus Angst vor Rebellion den großen Unterdrücker spielt. Gypsy findet das übrigens auch. Seit sie Schoßi sitzen darf und auf dem Sofa mit ihren Menschen schmusen, ist sie viel gelassener und anhänglicher geworden. Und auch ich werde so weitermachen wie bisher. Und wenn ich nicht gestorben bin, dann mache ich meine gegenseitigen „Alphawürfe“ immer noch am liebsten johlend auf dem Sofa beim Toben und übe mich in „wer überdeckt besser den Geruch des anderen“!  

(Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autorin)

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Stellen Sie sich vor ….

Erstellt von Claudia am 24. Januar 2009

… Sie wären ich. Ein “Ich”, dass da Tierschützerin heißt, jemand der mit viel Herzblut und immensen Aufwand junge Tiere aufzieht und bewusst und in voller Verantwortung prägt. Jemand, der Aufklärung betreibt, immer und immer wieder erklärt und kämpft. Kämpft gegen alte Hunde-Erziehungsregeln, gegen Alphagefasel und Dominanzspielerein, gegen Unterdrückung und Kadavergehorsam. Jemand der für einen vertrauensvollen Umgang mit Tieren und von Fairness spricht.

Stellen Sie sich vor, Sie hätten irgendwann einmal Welpen großzogen. Es waren ganz normale, muntere Welpen, sehr liebe, verkuschelte und unkomplizierte Welpen. In gar nichts verhaltensauffällig. Auch selbstbewußte und kluge Welpen. Welpen, die das Vertrauen zum Menschen wie Muttermilch mit in die Wiege gelegt bekommen haben. Welpen, die nie auch nur ansatzweise Angst vor Menschen haben und jeden freundlich begrüßten.

Und stellen Sie sich vor, nach einigen Jahren treffen Sie einen dieser Welpen wieder. Sie haben ihn in eine sehr warmherzige, menschliche und gute Familie vermittelt. Sie hatten hin und wieder an ihn gedacht und stets ein gutes Gefühl gehabt. Sie bemerken nichts, als sie ihn wiedersehen. Er spielt mit Deinem Hund. Er kommt freundlich auf Zuruf. Man kommt ins Gespräch. Und plötzlich fallen Sätze wie: “Er hat massive Ängste vor Menschen entwickelt. Es begann in der Pubertät.” Sie hinterfragen genau, wie die Entwicklung verlaufen ist: Hundeschule 1: Leinenrucks, Alphawurf, Extrem-Stressing Hundeschule 2: 1. Stunde – Alphawurf & Schnauzgriff.

So warmherzig die Besitzerin auch ist, so konnte sie als Laie nicht erkennen, was ihrem Hund angetan wurde, wie tief zerrüttet die Vertrauensbasis ist. Er zeigte in der Hundeschule mit aller Macht und sämtlichen Stress-Symptomen (Unruhe, Zappeln, Gähnen, Kratzen, Koten …), dass dies nicht der richtige Ort ist. Irgendwann resignierte er. Der Mensch konnte zu dem Zeitpunkt einfach noch nicht verstehen. Was läuft falsch, wenn aus einem Kuschelhund ein Hund wird, der nicht (mehr) gerne schmust?

Und plötzlich ist es wieder “Ihr” Hund, der Hilfe braucht. Es ist “Ihr” kleiner Welpe, für den Sie Verantwortung tragen, ein Leben lang.

Und Sie fragen sich, ob Ihre Arbeit einen Sinn macht. Wenn Vertrauen durch Unwissenheit, nicht durch bösen Willen oder mangelnde Liebe zum Tier, wieder zerstört wird.

Wie wird es beim nächsten Welpen sein, den Sie großziehen? Den Sie wochenlang um sich haben, Tag und Nacht? Können Sie es übers Herz bringen, ihn in die Ungewissheit der Welt zu entlassen? Wenn das nächste Notfellchen an die Tür klopft, werden Sie sie öffnen? Wie oft noch werden Sie dieses Risiko eingehen?

Claudia Hauer

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Absurditäten in der Hunde-Erziehung: Der “Schnauzengriff”

Erstellt von Claudia am 24. Januar 2009

Momentan geistert ein alt-neues "Allheilmittel" durch die Hundeerziehungswelt: Der "Schnauzengriff".  Da er in aller Munde zu sein scheint und ich selbst sehr vernünftige Menschen damit irgendwie "herumhantieren" sehe, möchte ich hier mal meine Beobachtungen und Sichtweise darlegen. Ich beobachte schon seit längerem Hunde im Zusammenleben und der Aufzucht von und mit Welpen aller Altersklassen und vielerlei Rassen und deren Mischlinge. Im Grunde ist mein Heim nie ohne wenigstens einen Welpen, der in Not geraten ist. Vielleicht können meine Beobachtungen und die Rückschlüsse, die ich aufgrund dessen gewonnen habe, einigen "Schnauzengreifern" Denkanstösse vermitteln oder Menschen gar nicht erst zu "Schnauzengreifern" werden lassen. Zunächst einmal für die Ahnungslosen: Was ist eigentlich ein Schnauzgriff? In den Hundeschulen wird der Schnauzgriff als Griff von oben über die Schnauze mit mehr oder weniger großen Druck (je nach Veranlagung und Brutalität des Hundetrainers) gegen die Lefzen auf die darunter liegenden Zähne gelehrt. Einige Trainer meinen, bei einem "erfolgreich" und korrekt ausgeführten Schnauzengriff müsse der Welpe laut aufschreien, denn nur so sei es richtig. Ich persönlich stufe den Schnauzengriff als körperlichen Übergriff auf ein empfindliches und äußerst sensibles Körperteil des Hundes, nämlich den Fang, ein. Abgeleitet wird der Schnauzengriff von etwaigen Beobachtungen der Mutterhündin mit ihren Welpen. Im Internet offenbaren sich Horror-Szenarien und Beschreibungen. Es heißt beispielsweise: "Die Mutter geht mit ihrem Fang quer über die Schnauze ihrer Jungen und beißt oder kneift kurz zu." Meine Güte, was ist das für eine Brutalität in der Aufzucht! Gar nicht auszudenken, was bei einer derartigen wochenlangen Aufzucht und Maßregelungen für Hunde entstehen! Ich habe im Zusammenleben von Hunden mit Welpen noch nie eine Hündin gesehen, die ihren Jungen in den Fang beißt – noch nie! Im Gegenteil, die Hündin ist zumeist äußerst geduldig und ihren Nerven weitaus strapazierfähig. Ich kann bestätigen: Es gibt ein "Über-den-Fang-Greifen". Es ist jedoch eher ein sanftes, nachdrückliches "Stupsen", wenn die erste ebenfalls sanfte Verwarnung oder der Versuch des Abdrängens der Welpen, z. B. von den Zitzen nicht ausreicht. Oft kommt vorher ein Knurren und der Welpe hat zunächst noch einmal die Chance, selbst zu reagieren. Erst wenn die Welpen ca. 7 Wochen alt sind und mitunter etwas zu energiegeladen ältere Gruppen-Mitglieder belästigen, wird der Schnauzengriff schon mal energischer, jedoch keinesfalls so, dass der Welpe laut und massiv und nachhaltig aufschreit. Irgendwann im Verlaufe der Zeit werden die Schnauzgriffe immer seltener und es reichen zumeist die ganz normalen altbekannten innerartlichen Kommunikationsmittel. Es ist albern und absurd, Ihren fast erwachsenen oder erwachsenen Hund mit einem Schnauzengriff zu maßregeln. Mal ehrlich, würden Sie Ihren Ehemann oder Ihre Ehefrau auch mit Stuben-Arrest oder Fernseh-Verbot belegen? Es ärgert mich immens, wenn Leute, die noch niemals Mutter und Welpen aufgezogen und beobachtet haben, vorschnell solche Erziehungsmittel übernehmen, anderen kluge Ratschläge erteilen und dann auch noch tönen: Das macht doch die Mutterhündin auch so mit ihren Welpen. Bitte fragen Sie künftig diese Leute, die Ihnen zum Schnauzengriff raten, woher sie ihre Erfahrungen beziehen. Wieviele Welpen mit ihren Müttern sie schon in der kompletten Zeit der Aufzucht beobachtet haben? Fragen Sie nach! Mehrere Probleme gibt es, über die die "Schnauzengreifer" nachdenken sollten: Der Schnauzengriff wird von der Mutter nach meinen Beobachtungen stets nur dann eingesetzt, wenn etwas "zuviel" oder "übermäßig" ist, insbesondere beim Erlangen der Zitzen, bei all zu stürmischen, aufdringlichen Spiel u. ä. Niemals habe ich das Über-den-Fang-greifen beobachten können, weil ein Hund nicht richtig "Sitz" macht oder in der Tierarztpraxis nicht brav neben mir sitzen bleibt. Der Schnauzengriff ist also KEIN Korrekturmittel für unerwünschtes Verhalten, sondern er dämpft vielmehr einen situationsbezogenen Überschwang. Wenn Sie den Schnauzengriff bei Ihrem erwachsenen Hund einsetzen, so bitte ich Sie, mal darüber nachzudenken, wie oft Sie selbst den praktizierten Schnauzengriff bei erwachsenen Hunden beobachten konnten? Gar nicht oder äußerst selten? Aha, und warum glauben Sie, dass dies das geeignete Korrekturmittel für Ihren Hund ist? Schnauzenspielereien, Schnauzenzärtlichkeiten sind übrigens etwas völlig anderes als der Schnauzengriff … Ich oute mich an dieser Stelle als "Anti-Schnauzen-Greifer". Ich bin keine "Mutter-Hündin" und bilde mir weder ein, den richtigen Zeitpunkt für einen Schnauzengriff zu kennen, noch den richtigen Druck auszuüben. Ich bin nämlich nur ein Mensch. Mit welcher Arroganz wir gerade in der Hundeerziehung Mittel aus dem innerartilichen Repertoire übernehmen, ist unglaublich. Wir erdreisten uns, unsere Hunde mit Schnauzengriff und Alphawurf zu belegen und lassen aber diejenigen Hunde sofort einschläfern, die mit ebensolchen innerartlichen Mitteln (Aggression) antworten oder sich dagegen zu wehren versuchen. Wie absurd ist das denn? Mit Fairness hat das nichts zu tun und mit Vertrauen, Bindung und Sicherheit erst recht nicht. (Copyright by Claudia Hauer, 1. Vorsitzende des TSV Welpennothilfe e. V., Weitergabe, Vervielfältigung unter Angabe der Quelle und der Autorin)

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Köpfchen statt Knöpfchen … von Clarissa von Reinhardt

Erstellt von Claudia am 24. Januar 2009

…das gilt auch für die viel gepriesenen Sprühhalsbänder, die in verschiedenen Ausführungen den Markt erobert haben. Spätestens seit uns Hundenanny Katja Geb-Mann allwöchentlich im deutschen Fernsehen vorführt, wie jeder Hund, ganz gleich welches Problem er seinen Haltern vermeintlich oder tatsächlich bereitet, mit Einsatz einer Fernbedienung in das Verhalten gepresst werden kann, das Herrchen oder Frauchen beliebt, finden die Halsbänder, die einen angeblich völlig harmlosen Spraystoß von sich geben, steigenden Absatz. Doch schon der gesunde Menschenverstand lässt einen aufhorchen, wenn Hersteller und Anwender behaupten, dass der jederzeit auszulösende Sprühstoß für den Hund „gar nicht schlimm“ sei. Da fragt man sich doch selbst nach nur kurzem Nachdenken, wie es denn möglich sein soll, instinktive, genetisch fixierte Verhaltensweisen wie zum Beispiel das Jagdverhalten durch etwas zu unterdrücken, das dem Hund gar nichts ausmacht?! Dem Hundehalter wird generös angeboten, das Gerät doch selbst mal in die Hand zu nehmen oder um den Hals zu legen, während der Trainer den Auslöser betätigt… und tatsächlich, so schlimm war das doch gar nicht. Ein kurzes „Zischhhh“ mit etwas feucht-kalter Luft. „Ja“, bestätigt der überzeugte Hundehalter, „das war gar nicht schlimm.“ Was Hersteller und Trainer jedoch geflissentlich verschweigen (aus Unwissenheit oder in betrügerischer Absicht?!), ist die Tatsache, dass plötzlich auftretende, nicht eindeutig zuzuordnende Zischlaute beim Hund als Angst auslösende, sogar lebensbedrohliche Laute abgespeichert sind, bei denen sofort die Flucht ergriffen werden muss. Jeder kennt den Anblick eines Hundes, der sich selbst im Körbchen `zig mal um die eigene Achse dreht, bevor er sich schließlich gemütlich niederlegt. Es handelt sich bei dieser Verhaltensweise um ein Erbe aus den Zeiten, in denen der Hund noch weitgehend draußen in Freiheit lebte. Bevor er sich hinlegte, drehte er sich mehrfach im Gras oder Laub, um die ausgesuchte Liegestelle als ungefährlich abzusichern. Sollte beim Drehen ein Zischlaut (zum Beispiel von einer Schlange) zu hören sein, würde er sich durch einen Sprung zur Seite in Sicherheit bringen. Biologisch sinnvoll… und diesen genetisch fixierten, Angst auslösenden Zischlaut bringen wir Menschen nun in den unmittelbaren Kopfbereich des Hundes! Und drücken vielleicht gleich mehrfach das Auslöseknöpfchen, worauf der Hund ganz leicht nicht nur in Angst, sondern sogar in Panik versetzt werden kann – ohne die Möglichkeit, sich durch die Flucht zur retten! Eigentlich ist dieser Umstand allein schon Grund genug, niemals zu erlauben, dass einem uns anvertrauten Lebewesen ein solches Gerät angetan (im wahrsten Sinne des Wortes!) wird. Es gibt aber noch mehr Probleme: Der Hund weiß nie, wann und vor allem warum der Sprühstop ausgelöst wird, befindet sich also in ständiger Erwartungsunsicherheit. Wer wissen möchte, wie sich das anfühlt, dem empfehle ich folgendes Eigenexperiment, das nicht in Anwesenheit eines Hundes durchgeführt werden sollte, damit dieser nicht unnötig verunsichert wird: Bitten Sie ein Familienmitglied oder einen Freund, Sie wirklich stark zu erschrecken, zum Beispiel durch einen lauten Schrei oder dadurch, dass er plötzlich die Stereoanlage zu voller Lautstärke aufdreht oder zwei Töpfe aufeinander schlägt, wenn Sie gerade überhaupt nicht damit rechnen, sich zum Beispiel entspannt im Sessel zurücklehnen oder gerade mit Freunden Karten spielen. Das Experiment sollte mindestens mehrere Stunden, am besten ein oder zwei Tage dauern und der Schreckreiz sollte in dieser Zeit mehrfach ausgelöst werden – ohne dass Sie wissen, wann dies sein wird. Sie werden merken, dass der eigentliche Reiz, wenn er dann endlich auftritt, bei weitem nicht so schlimm zu ertragen ist, wie die zermürbende Warterei auf ihn. Obwohl man ihn fürchtet, wünscht man ihn schon beinahe herbei in der Hoffnung, dann wieder eine Weile Ruhe zu haben, was aber nicht so ist, da er kurz nach dem Auftreten ein zweites oder drittes Mal ausgelöst wird und dann wieder stundenlang gar nicht, ganz wie es Ihrem Helfer beliebt. Keine angenehme Vorstellung, nicht wahr?! Aber es gibt noch weitere Probleme. Gleich mehrere ergeben sich aus der Tatsache, dass Hunde über gedankliche Verknüpfung lernen. Trägt der Hund das Halsband und erhält den Sprühstoß, wenn er zum Beispiel auf mehrfachen Zuruf nicht kommt, so möchte der Mensch ihm damit zeigen, dass er dafür mit Schreckreiz bestraft wird, dass er ungehorsam ist. Es kann aber gut sein, dass er in genau diesem Moment zu einem kleinen Kind, einem Jogger oder einem anderen Hund schaut – und den Strafreiz damit verbindet. Das Ergebnis ist dann ein Hund, der noch immer nicht besser auf Abruf reagiert, dafür aber Ängste, evtl. sogar durch die Angst ausgelöste Aggressionen, gegen das entwickelt, was er gerade sah. Die Hundehalter sind dann ratlos, weil ihr Hund „plötzlich“ kleine Kinder meidet oder Jogger anknurrt, mit denen er doch bisher bestens auskam. Viele solcher Beispiele finden sich in meiner Hundeschule ein, erst kürzlich ein Rodesian Ridgeback Rüde, dessen Sprühhalsband immer ausgelöst wurde, wenn er zum Wildern durchbrennen wollte. Bei diesen Spaziergängen war allerdings auch immer seine Gefährtin, der Zweithund der Familie, anwesend. Die Halter kamen nun nicht wegen des unerwünschten Jagdverhaltens zu mir in die Hundeschule, mit dem sie sich inzwischen abgefunden hatten, sondern weil der Rüde seit Wochen die Nähe der Hündin mied. Immer wenn diese den Raum betrat oder sich, so wie früher, zu ihm kuscheln wollte, verließ er mit ängstlichem Gesichtsausdruck das Zimmer und das konnte man sich nicht erklären… Was hatte man diesen beiden Hunden angetan! Welche Gefühle wurden in den Tieren ausgelöst?! Der Rüde hatte nun Angst vor seiner Gefährtin, die er früher heiß und innig liebte, während diese nicht verstehen konnte, weshalb er, der vorher immer leidenschaftlich mit ihr spielte und tobte, sie jetzt mied. Die gleiche Trainerin, die den Einsatz des Sprühhalsbandes empfohlen hatte, empfahl jetzt übrigens, einen der Hunde abzugeben, weil die Tiere sich unterschiedlich entwickelt hätten und einfach nicht mehr gut zueinander passen würden. Die Ängste des Rüden erklärte sie über die angeblich dominante Ausstrahlung der Hündin. Man könnte weinen, wenn Hunden mit einem solchen Schicksal gegenüber steht – oder es packt einen einfach nur die Wut. Die Probleme gehen noch weiter, denn nichts generalisiert sich bei Hunden so schnell, wie Geräuschangst. Nicht nur dieser Rüde, sondern auch zahlreiche andere Hunde entwickeln nach Einsatz des Sprühhalsbandes Ängste vor allen möglichen Geräuschen. Das Öffnen einer kohlsäurehaltigen Getränkeflasche, das Zischen von heißem Fett in der Pfanne, Knall- und Schussgeräusche, die dem Hund vorher egal waren, versetzen ihn jetzt in Angst und Schrecken. Der oben erwähnte Ridgeback Rüde zum Beispiel verzog sich mit eingezogener Rute unter den Tisch des Besprechungsraums, als ich eine Wasserflasche öffnete. Dies tat ich nicht, weil ich Durst hatte – trauriger Weise gehört es inzwischen schon fast zum Standardprogramm beim ersten Kennenlernen und Analysieren eines mir vorgestellten Hundes auszutesten, ob er schon mit Sprühhalsband gearbeitet wurde und welche Wunden dies an seiner Seele hinterlassen hat. Die Halterin war auch sehr erstaunt, als ich ihr nach dem „Flaschentest“ auf den Kopf zusagte, dass an ihrem Hund sicher schon mit Sprühhalsband gearbeitet worden war. Das wollte sie mir eigentlich gar nicht erzählen, weil sie schon gehört hatte, dass ich gegen den Einsatz dieser Geräte bin. Nachdem ich sie auf die Reaktion ihres Hundes hingewiesen hatte, war sie sehr betroffen. Und wütend, nachdem ich ihr erklärte, weshalb ihr Rüde jetzt Angst vor der Hündin und vor allen möglichen Geräuschen hatte. Wütend auf die Trainerin, die sie auf diese „unerwünschten Nebenwirkungen“ nicht aufmerksam gemacht, sondern immer erklärt hatte, wie harmlos der Einsatz des Gerätes sei. Für mich stellt sich die Frage, ob Kollegen, die es einsetzen, um diese Nebenwirkungen nicht wissen, oder ob sie diese bewusst verschweigen, weil kaum jemand bereit wäre, den Einsatz zu erlauben, wenn sie bekannt wären. Und ich stelle mir die Frage, was von beiden eigentlich schlimmer ist… Last not least gibt es Probleme mit der Technik. Es soll schon vorgekommen sein, dass das Gerät durch andere Funkfrequenzen oder sogar die Fernbedienung eines in der Nähe befindlichen Halsbandes an einem anderen Hund ausgelöst wurde. Der Strafreiz wird dann also einem Hund verabreicht, der einfach nur herumsteht oder gerade spielt oder sonst etwas tut. Das steigert die Erwartungsunsicherheit natürlich noch mehr und erhöht die Trefferquote auf Fehlverknüpfungen immens. Zusätzlich löst es nicht immer zuverlässig aus, kann zum Beispiel durch Wetterlagen mit feuchter Luft (Nebel, Regen) verzögert oder gar nicht reagieren. Schließlich zeigt es auch nicht an, wann die Batterie leer ist, wodurch es passieren kann, dass der Auslöser gedrückt wird und nichts geschieht. Dann käme man durch das Ausbleiben des Strafreizes (wenn der Hund denn überhaupt verstanden hätte, wofür er eigentlich bestraft werden soll) in den Bereich der variablen Bestätigung, was das unerwünschte Verhalten sogar noch verstärkt. Der Hund würde nämlich lernen, dass er das Verhalten nur immer wieder zeigen muss, bis er schließlich wieder zum Erfolg (in diesem Fall das Ausbleiben des Strafreizes und die erfolgreiche Durchführung des Verhaltens) kommt. Man kann es also drehen und wenden, wie man will: Sprühhalsbänder sind ganz und gar nicht harmlos, im Gegenteil sogar sehr gefährlich. Manche Hunde werden durch sie so verunsichert, dass sie in die so genannte erlernte Hilflosigkeit fallen, was zur Folge hat, dass sie kaum noch Aktionen zeigen oder Handlungen anbieten, weil sie in ständiger Angst vor dem für sie unkalkulierbaren Strafreiz leben. Um diesen Tieren – und ihren verzweifelten Haltern – zu helfen, braucht es ein meist lang angelegtes, gut durchdachtes Training, das den Hund aus dieser erlernten Hilflosigkeit und seinen vielfältigen Ängsten wieder herausholt. Sprühhalsbänder gaukeln dem Hundehalter vor, mal eben schnell per Fernbedienung eine Lösung für vermeintliche oder tatsächlich entstandene Probleme zu haben. Aber so einfach ist das nicht. Hunde sind uns anvertraute, fühlende und denkende Lebewesen, die nicht beliebig manipulierbar sind und deren Lernverhalten sich von dem unseren ganz erheblich unterscheidet. Ich kann deshalb nur dringend empfehlen, jeden Ausrüstungsgegenstand und jede Methode, der/ die durch Hersteller oder Trainer empfohlen wird, vor Anwendung am Hund genau zu prüfen, sich gut zu informieren und im Zweifelsfall nach dem guten alten Motto zu entscheiden, das auch für unsere Hunde gelten sollte: Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu. © Clarissa v. Reinhardt animal learn (Veröffentlichung mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin)

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